»Jedes Kind braucht einen Rahmen, in dem es individuell wirken kann.«

21.06.2021

„Du bist geliebt“

Es gibt so Zeiten im Leben, da läuft alles nach Plan. Ich sonne mich eine Zeit lang in diesem Gefühl alles in der Hand zu haben… es wirkt nach außen perfekt, es fühlt sich zumindest gut für mich im Innen an und irgendwann beginnt sich so etwas in mir zu entwickeln, was sich anfühlt wie „Eigentlich ist es irgendwie alles zu rund, zu gerade, zu sauber, zu klar, zu routiniert, zu perfekt halt.“ Es langweilt mich dann… mein Leben beginnt mich an dieser Stelle zu langweilen.

Mitunter kommt dieser Moment ganz plötzlich ohne ein großes Anbahnen oder eine Vorankündigung. Zack, wie ein Blitz gewinnt diese Langeweile Überhand und alles, was sich vorher so sicher und sauber und sortiert angefühlt hat, bekommt so ein verstaubtes Image… die Klarheit wird trüber, die Sauberkeit verschmiert, die Struktur zu hart… In mir drin ist schon längst der Keim nach Neuem und die Neugier und der Wunsch nach ein wenig vom Gegenteil in meinem Leben wächst.

...Die Dosierung macht’s… So richtig habe ich den Mittelweg darin nicht gefunden. Mein ganzes Leben bin ich stetig am Suchen und zeitweise Finden dieses Mittelwegs, in dem es möglich ist, dass beides ein wenig da ist: Die Klarheit - das Ungewisse, Die Routine – Das Aufgeregte, Die Struktur – Das Wilde und Ungeordnete. Für dich mögen es ganz andere Begriffspaare sein… und doch bin ich mir sicher, dass auch du nachfühlen kannst was ich meine…

In einem Telefonat mit einer Freundin, mit der ich tiefe und gute Gespräche führen kann, fiel letztens der Satz „Wenn es zu rund ist, ist es eben ZU rund.“ Ja, dann fehlt das andere. Es klingt paradox… ja, es klingt paradox und es ist so wahr… denn genau in diesem Satz habe ich ihn für einen Augenblick wieder spüren dürfen: Meinen Mittelweg. Da ist eine Leichtigkeit, eine Annahme von allem was ist, ein Vertrauen und eine unheimlich große Freiheit…

Ich denke manchmal daran zurück, wie wild ich als Kind war. Ich bin wild umhergesprungen, habe mir selber mit Kugelschreiber Bilder aufs Bein gemalt, weil ich doch mal sehen wollte, wie Tattoos so aussehen. Habe bunte Bilder ohne Schönheitsideal gemalt, bin barfuß durch den Schnee gelaufen, wenn alle Erwachsenen ihre Hände über den Kopf zusammen geschlagen haben. Und ich hatte keine Frostbeulen… auch nach 30 Minuten nicht. Ich habe viel zu viel Süßigkeiten gefuttert und selber gemerkt, wie doof das ist… Ich habe so viel gemacht von dem was nicht klar ist, nicht routiniert und nicht strukturiert ist. Und wenn ich hier sitze und darüber nachdenke frage ich mich tief in mir drin: „Wo ist dieses Wilde und dieses Freie in seiner ganzen Kraft?“ Wo geht oder ging es in der Vergangenheit verloren? Wie kann ich es wieder wecken?

Nach einer langen Woche – die Schule und auch der Kindergarten wechselten wieder in den nahezu „normalen“ Alltag… - saß ich morgens an meinem freien Freitag erschöpft und gleichzeitig gelangweilt am Tisch. Das große Kind war los zur Schule, die Kleine in den Kindergarten… Ich schaute in den leeren Flur, der so gar nicht aufgeräumt war. Sah durch die Terrassentür weiter hinten die verblühten Hornveilchen, die bei der ersten Sommerhitze dieses Jahr die Köpfe hängen ließen. Es fühlte sich schlagartig alles so gar nicht klar, so gar nicht sauber und strukturiert in mir an. Meine ganze Anspannung der Woche – es wird schon wieder alles funktionieren in der Schule, im Kindergarten, beim Turnen, beim Spielen mit den Nachbarskindern, mit meiner Arbeit, mit meiner Fortbildung, mit dem Haushalt, mit dem Einkauf, mit Terminen - fiel so schlagartig von mir ab, dass ich meine ganze Umwelt auf ein Mal ganz anders wahrnehmen konnte. Ich habe perfekt funktioniert in dieser Woche. Ich war im Außen super. Das bisschen Unordnung herum nahm keiner wahr, fand keiner störend, außer mit. Im Innen fühlte ich mich völlig ausgelaugt und ein wenig fremd… Meine ganze Wildheit hatte ich mal wieder völlig zur Seite geschoben. Alles Unstrukturierte, alles Unklare und Undefinierte war nicht so richtig da. Nicht so richtig, merke ich, bedeutet: „Es war schon da, nur nicht im Außen. Das habe ich bis genau jetzt schön in meinem Inneren gehalten.“ Keiner merkte wieder mal, dass ich mich völlig reingeschmissen habe in dieses ganze „Funktionieren-Ding“… und noch viel schrecklicher in diesem Moment war für mich die Gewissheit, dass auch ich es nicht geschafft habe das rechtzeitig zu spüren und danach zu handeln. Auch ich habe es wieder mal nicht rechtzeitig geschafft IM Mittelweg auszusteigen und dort ein Wenig länger zu verweilen… “einfach weiterschwimmen“ ein Kredo, dass mich mein Leben lang schon begleitet und dass ich endlich greifen kann, auch wenn ich jedes mal traurig und enttäuscht von mir selber bin, wenn ich dessen gewahr werde.

… 10 Minuten später sitze ich im Auto. Ich habe beschlossen alles so sein zu lassen und loszufahren. Loszufahren zum Blumen kaufen… Ein bisschen Wildheit reinbringen, Farben, Buntes und Natur in mein Äußeres zu bringen und damit ein wenig Angestautes aus meinem Inneren abzugeben und mich auch innerlich wieder klarer zu fühlen. Ich steige aus dem Auto und laufe zu den Einkaufswagen meines Lieblingsblumengeschäfts. Ich will den Chip in den Wagen stecken und stelle verwundert fest, dass etwas klemmt. Ein Einkaufschip steckt bereits in dem Wagen. Neugierig stecke ich den Einkaufswagen nochmal in die Schlange und schiebe den Chip heraus.

„Du bist geliebt“ stand in goldenen, deutlichen Buchstaben auf cremefarbenen Grund des Einkaufchips…

...Liebe Eltern, auch wenn es sich zeitweise so gar nicht anfühlt, als ob gesehen wird was du als Mutter oder Vater leistest… Du bist mit diesem Gefühl, mit dieser Enttäuschung über dich selbst, mit dieser Erschöpfung und mit deiner Angst nicht alleine. Es gibt so viele Eltern, die genau jetzt in diesem Moment genau so an sich selber zweifeln wie du. Lass deinen Zweifel einfach so stehen, denn daraus kannst du all die Liebe wieder schöpfen: Für deine Familie, deine Kinder und vor allem für DICH!

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