»Jedes Kind braucht einen Rahmen, in dem es individuell wirken kann.«

03.10.2021

Es ist viel und wenig...

Nach dem Vorlesen am Abend fragt mich meine kleine Tochter: „Mama, kannst du noch kurz bei mir bleiben?“ - „Mhhh… ja, aber nur fünf Minuten. Ich will unten noch aufräumen und dann auch ins Bett. Ich bin so müde.“ - „Mama, sind fünf Minuten viel oder wenig?“ - „Irgendwie beides, mein Schatz. Es kommt immer drauf an, was du in dieser Zeit machst.“ - „Dann will ich, dass es jetzt viel ist!“

„Wie wunderbar!“, denke ich in diesem Augenblick. Wie sanft und weich sich der Umgang mit der Zeit aus ihren Augen anfühlen mag. Wie es ihr gelingt innerhalb von Sekunden ihren Blickwinkel einzustellen und sich damit unbewusst eine tiefe Ressource eröffnet. Wie sie sich in diesen fünf Minuten einkuschelt und Kraft tankt, ohne zu hadern, dass es eben auch NUR fünf Minuten sind.

Wie viel Wahl spüre ich eigentlich in meinem Alltag? Manchmal fühlt es sich auch ein bisschen wie „gefangen sein“ an. Es erfordert so viel Energie alle alltäglichen Dinge abzuhaken, alles Aufgelaufene zu erledigen und das was jeden Tag on top kommt einzuordnen und am Besten auch noch zu schaffen… - ach ja, und an sich denken wäre auch ganz gut! … Manchmal kommt es mir vor wie ein auswegloses Unterfangen, in dem ich, das habe ich bereits verstanden, die einzige bin, die es für sich lösen kann. Anspruch runterschrauben?! Prioritäten checken und neu einordnen!? - „Ja und dann muss man ja auch noch Zeit haben, um einfach so da zu sitzen und vor sich hin zu schauen.“, wusste schon Pippi Langstrumpf… Und manchmal habe ich genau dafür viel zu wenig Zeit… Also - Prioritäten ändern!? … Fettige Patschepfoten auf dem Fenster fettige Patschepfoten auf dem Fenster sein zu lassen, Wäscheberg zumindest für heute morgen Wäscheberg sein zu lassen und zumindest heute mal nur die Tiefkühlpizza in den Ofen zu schieben…

Das ist wohl ziemlich schwer, wenn man sich in einem Tunnelblick befindet…

Wie oft hetzen wir durch den Alltag?! Mir selber geht es vor allem morgens so. Wenn die Kinder in der Schule und dem Kindergarten sind, versuche ich jedes Mal so viel wie möglich zu schaffen… Neben dem alltäglich Nötigen auch noch irgendeine kleine Extraaufgabe zu schaffen, wie zum Beispiel Unkraut zupfen, Staub wischen, angesammelte Unterlagen sortieren. Irgendwie ist es so oft das Gleiche: 20 Minuten bevor ich los muss, um meine Töchter abzuholen, resigniere ich mit der Erkenntnis „Auch dieses Mal habe ich nicht viel geschafft!“
… Nur ist das wirklich so? An einem Morgen in der letzten Woche schien dann alles total quer zu laufen. Es lief in der ersten Stunde des Tages alles ganz anders. Mein innerer Plan geriet in komplette Schieflage. Es kam der Moment, in dem ich dann erschöpft aufgab, meinen Konzeptplan zu halten und für einen Moment gab ich mich mal ganz dem äußeren hin… Gefühlt bleib mir in der Situation einfach nichts anderes übrig.
Verrückt… ich machte auf ein Mal alles bewusster. Es fühlte sich an, als ob ich ein bisschen mehr im jetzigen Augenblick war und weniger in der Planung der nächsten 4 Stunden to do-Zeit… Plötzlich ging irgendwas in mir auf und ich machte alles mit mehr Freude und mehr Kreativität. Nach der Arbeit schmiss ich alles völlig um: Ich bereitete schnelles und zugegebener Maßen nicht das ernährungsmäßig beste Mittagessen vor. Danach steckte mir Stöpsel mit meiner Lieblingsmusik ins Ohr und ging raus in den Garten. Dies war an diesem Morgen einfach wichtiger als vollwertiges Mittagessen. Ich schaffte es mich zumindest hin und wieder bewusst wegzudrehen, wenn mein Blick auf die verschmierten Fenster fiel. Und dann waren sie plötzlich auch für mich da an diesem Morgen: Ich nahm mir 5 Minuten Zeit für mich zum Durchatmen bevor ich zum Kindergarten losfuhr, um meine Tochter abzuholen…

… und sie waren auf einmal ganz viel… Ich spürte meine Wahlmöglichkeit … Will ich, dass sie viel sind oder wenig? Wie möchte ich die Dinge sehen? Was will ich in der Zeit anstellen?
Ich fühlte mich innerlich beweglich. Ich musste in diesem Augenblick nicht nur so durchs Leben hetzten, um mich zu spüren. Irgendwie war ich mehr DA als sonst.
Mein Blick war kein Tunnel, sondern ein breiter Weg, der viel Raum und Luft hatte. In diesem Moment waren fünf Minuten viel und sie waren sogar einfach genug…

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